Gedichte
Wo du gehst

Wo du gehst,
konnten deine Eltern nie gehen.
Was du glaubst,
werden deine Kinder nicht mehr glauben.
Was du siehst,
ist für deinen Freund unsichtbar.
Was du hörst,
hört sonst keiner.
Was du vergessen hast,
haben andere nie gewußt.
Was du erhoffst,
verstehen deine Bekannten nur im Kopf.

Spürst du das Glück
deiner Einmaligkeit,
und die stille schleichende Angst,
so einmalig zu sein?
Beides ist es,
Mensch zu sein.
aus: Ulrich Schaffer: In der Dichte des Lebens

Bereitsein

Wer kann denn sehn, wie er ist?
Du fühlst es vielleicht, wer du bist.
Seh' ich denn den, der ich bin?
Bestimme ich je meinen Sinn?

Doch jeder erfährt seine Zeit.
Nicht jedem die Zeit ist bereit,
in ihr zu sein und zu sehn,
das Künftige schon zu bestehn:

Es ist des Könners Gewalt,
der Zukunft zu geben Gestalt,
nicht zu verdrängen ein Sein,
das Neue zu schaffen allein.
aus: Theodor Rutt: kölner texte 3 und 4